Abzählreime.
Man müsste es wie die Chinesen machen, denke ich. Die Chinesen sind auf der Gewinnerstraße. Dieses riesige Reich mit seinen Milliarden Menschen schafft 51 mal Gold und wir deutschen Leistungsverweigerer nur 16. Gut, Allesschönredner könnten jetzt die Sache mit den Menschenrechten, oder die Bevölkerungsanzahl mit der Anzahl der teilnehmenden Arzneimittellabore in Beziehung setzen, und dann wäre das ja für Deutschland auch kein schlechter Schnitt, aber im Grunde, und da muss man kein Pharmakologe sein, sind wir doch nur schlechteres Mittelmaß, vor allem in der Pharmakologie. Da fehlt es uns an Konsequenz. Jugendförderung heißt in China Kasernierung und bei uns „e.V.“ Dabei gibt es so viele Parallelen. Auch bei uns hat man die besten Chancen im Sport erfolgreich zu sein, wenn man den Streitmächten beitritt. Sportsoldaten falten nicht nur fabulös die Fahnen der Siegerehrung, sondern verteidigen Deutschland auch auf der Zielgeraden. Und da hilft auch kein verstörter Zwischenruf Béla Réthys bei der Abschlussveranstaltung, dass das ja mit den chinesischen Soldaten gar nicht ginge und irgendwie ja auch nicht zum olympischen Geist passt, wenn man weiß, dass die sympathische deutschen Sportler dort unten nicht nur um die beste Zeit kanuten, sondern im nächsten Moment den spockschen Todesgriff aus dem Ärmel zaubern könnten, den sie bei einer dreitägigen Nahkampfausbildung tief im Hinterland des Natoverbündeten Tschechien gelernt haben. Siegen für das Vaterland.
Man müsste es also wie die Chinesen machen, denke ich, dann wäre vielleicht vieles leichter. Acht Tage in der Woche treffe ich Entscheidungen, meistens für mich allein und kann nicht loslassen, weil die Gedanken kreisen. Und wenn es mir möglich wäre einen altgedienten Chinesenturntrainer zu engagieren, der das Entscheiden für mich übernimmt, ich denke, ich würde es tun. Oder nicht?
Engelchen, Teufelchen, Kopf oder Zahl, rechte und linke Hand, Pro und Contra, ja und nein, im schlimmsten Fall ein „vielleicht“ – wie heilsam wären da Worte, wie „jawohl, sofort und jippiejahey“. Die eigene kleine Diktatur würde mich nicht verschlafen, nichts aufschieben und überhaupt keinen Zweifel lassen. Ich habe ein außerordentlich beschissenes Karma und muss in einem vorherigen Leben eine unglaubliche Nervensäge gewesen sein, denn meine Seele ist ein Basisdemokrat. Die permanente Larmoyanz dieses Typen geht mir wahnsinnig auf den Zeiger. Aber ab jetzt wird mit harter Hand durchregiert. Vertrau mir, ich weiß was gut für dich ist! Ich erfülle den Fünfjahresplan schon in einem Jahr! Mehr Parole braucht mein Leben!
Im Moment muss ich aber gar nichts entscheiden. Absolut gar nichts. Null. Im Moment bin ich in so viele kalte Wasser gesprungen und je länger ich darin schwimme, desto wohler fühlt sich mein Körper im Sich-treiben-lassen-Modus. Wenn ich mir jetzt vorstellen würde, der Chinesenturntrainer würde am Beckenrand stehen und mich motivierend zusammen schreien, ich denke, ich würde ihn schreien lassen, bis er platzt. Damit würde er das ganze Schwimmbad einsauen und ich würde seine Fetzen einfach antrocknen und mich dadurch schon gar nicht stören lassen.
Raum und Zeit sind mir gerade, in diesem Moment, in diesem Wasser verhasste Konzepte, denn es wird wohl nicht ewig so weiter gehen. Meine Finger sind schon schrumpelig und aus dem Badereifen mit Cuba-Libre-Glas Feststellfunktion entweicht Luft. Ich sollte an den Rand paddeln, mich warm abduschen, mit einem etwas zu hartem Frotteehandtuch die Nässe von der Haut nehmen und mir einen neuen Chinesen suchen. Einer der nicht gleich explodiert, wenn man ihm ein wenig Paroli bietet. Ich lass mich doch nicht anschreien, aber darüber reden können wir gern.
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